98,64 % Uptime? Gefühlt war ich 44 % der Zeit blockiert.

Martin Rau · · 3 Min. Lesezeit

Es gibt diese SaaS-Kennzahl, die in jedem Statusreport, jedem Marketing-Slide und jeder SLA-Tabelle auftaucht: Uptime. Der Anbieter, von dem hier die Rede ist, schreibt sich stolz 98,64 % an die Wand. Klingt nach einem System, das praktisch immer läuft. Klingt nach einem Tag Ausfall in zweieinhalb Monaten. Klingt nach: alles im Griff.

Mein Gefühl sagte etwas anderes. Also habe ich nachgezählt.

Die Streifen

Der Anbieter visualisiert den Status über einen Zeitraum als Balken — ein Streifen pro Tag, eingefärbt nach Zustand. Grün heißt: alles okay. Rot und Orange heißen: irgendwas war.

Ich habe das Bild durch einen Pixel-Klassifizierer gejagt und die Balken gezählt. Das Ergebnis bei 90 Tagen für claude.ai:

  • Grün: 50 Balken → 55,6 %
  • Rot: 32 Balken → 35,6 %
  • Orange: 8 Balken → 8,9 %

Anders gesagt: An 40 von 90 Tagen war der Streifen nicht grün. Das sind 44,4 %.

Wo die Lücke zwischen 98,64 % und 55,6 % entsteht

Beide Zahlen können gleichzeitig wahr sein — und genau das ist das Problem.

Uptime wird in der Regel als Verhältnis von „Service technisch erreichbar” zu „Gesamtzeit” gemessen. Wenn eine Komponente 20 Minuten kippt, gehen ein paar Hundertstelprozent flöten. Der Tag bleibt rechnerisch fast komplett grün. Im Statusboard wird er aber als Vorfall markiert — also nicht grün.

Daraus folgt eine schiefe Logik:

  • Anbieter-Perspektive: „Wir waren nur 20 Minuten down, das sind 0,02 % vom Monat.”
  • Nutzer-Perspektive: „An diesem Tag ist mein Build gescheitert, mein Deploy verzögert, mein Meeting verschoben. Der Tag war nicht okay.”

Die 98,64 % messen Sekunden. Mein Gefühl misst Arbeitstage. Und Arbeitstage sind kein lineares Maß — ein 15-minütiger Ausfall zur falschen Zeit kostet einen halben Tag Flow, nicht 15 Minuten.

Was die ehrlichere Zahl wäre

Wenn man Uptime so misst, wie sie sich auf die tatsächliche Nutzbarkeit auswirkt, lautet die Aussage hier nicht „98,64 % Uptime”, sondern:

Was ich daraus mitnehme

  • Uptime-Prozente sind ein PR-Format, kein Nutzerformat. Sie sind technisch korrekt und gleichzeitig irreführend, wenn man sie 1:1 als Verlässlichkeit liest.
  • Statusboards mit Tages-Streifen sind ehrlicher als SLA-Zahlen — weil sie genau das anzeigen, was man als Anwender spürt: War der Tag gestört oder nicht?
  • Wenn das Gefühl von der Kennzahl abweicht, hat meistens nicht das Gefühl unrecht. Es misst nur etwas anderes als der Anbieter — und oft das Relevantere.

Vielleicht sollte neben „Uptime” eine zweite Zahl Standard werden: Incident-Tag-Quote. Anteil der Tage mit mindestens einem gemeldeten Vorfall. Hier wären das 44 %. Und das fühlt sich auf einmal sehr nach der Realität an.

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